Zum HOLOCAUST GEDENKTAG 27.01.2013

Rede von Rainer Killisch am 27. JANUAR 2013 Fürstenwalde, Geschkeplatz

Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Fürstenwalder,
Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz.
Doch 68 Jahre nach der Befreiung der Mordfabrik Auschwitz durch Sowjettruppen kann,
- einer Forsa-Umfrage aus 2012 zufolge - jeder fünfte der befragten Deutschen unter 30 Jahren,
nichts mit dem Begriff „Auschwitz“ anfangen.
Auch zeigte eine Antisemitismusstudie in 2012 für den Bundestag, dass sich judenfeindliche Ressentiments
hartnäckig in der deutschen Gesellschaft halten.
Auf die Frage: „Was fällt ihnen zum Datum 27.01.1945 ein?“ haben fast 96% der Befragten falsch geantwortet.
Nur rd. 4% wussten um diesen Tag.
Gedenktage sind wichtig, sie müssen aber viele erreichen,damit sich auch viele erinnern.
Das Grauen begann nicht in Auschwitz,Sobibor, Theresienstadt, Treblinka oder in einem anderen Konzentrationslager.
Es begann zu allererst in den Köpfen, in der Literatur, in unserer Nachbarschaft und in der Politik,
bevor es die Gefühlswelt der Menschen erfasste.
Hitler war nur das Ergebnis dieses Denkens.
Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurde von Hartwig von Hundt-Radowski in seinem Bestseller „Judenspiegel“ (1819) eine Art Holocaust vorgeschlagen.
1860 formulierte der Gutsbesitzer Heinrich Nordmann:
„Das Judentum ist in seinem Wesen dem Fundament des christlichen Staates, der christlichen Moral feindlich“
„Das Judentum sei dem deutschen Volk zuwider“
Die Antisemitenpetition der Vereine deutscher Studenten forderte 1880/81 „den Ausschluss der Juden von politischen Ämtern.“
Schon zu Beginn des Kaiserreiches erhielt der Judenhass verstärkt Einzug in die Parteipolitik.
Im Parteitagsbeschluss der Deutsch-Sozialen Reformpartei, DSRP von 1899 unter Max Liebermann heißt es:
„Dank der Entwicklung unserer modernen Transportmittel
dürfte die Judenfrage im 20. Jahrhundert … endgültig durch Absonderung und (wenn die Notwehr es gebietet)
schließlich durch die Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden.“
Hitler war nicht der Erfinder des Holocaust, er war der Vollstrecker!

Mit diesem kurzen geschichtlichen Abriss will ich nur offenlegen, dass Antisemitismus und Menschenhass nicht auf den Hitlerfaschismus beschränkt werden dürfen; sondern dieser ist vielmehr das Ergebnis dieses Hasses, der Jahrhunderte alt ist.
Nun: Das Ergebnis dieses Hitlerfaschismus ist unser Grundgesetz vom 23. Mai 1949.
Ich bin mir sicher, eine heute formulierte Verfassung wäre nicht mehr so klar und den Menschenrechten zugewandt formuliert, wie es unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges mit 50Millonen Toten gelang.
Würden wir, die Bürger - auch in Fürstenwalde - nach Inhalten der Verfassung gefragt, wäre das Ergebnis, so fürchte ich, nicht viel anders, als wie für den Gedenktag heute. Deshalb möchte ich einige wichtige Sätze, der unveräußerlichen Grundrechte die für den heutigen Tag besonders prägnant sind, nennen:
Aus Artikel 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(Eine klare Aussage, hier ist von Menschen die Rede, nicht von Deutschen)
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten
als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(Also auch eine Verpflichtung der Stadt Fürstenwalde und ihrer politischen Parteien!)
Aus Artikel 2
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.
Die Freiheit der Person ist unverletzlich.
(Angriffe von Extremisten gegen Menschen, auch verbale, fordern deshalb unseren vollen demokratischen Widerstand)
Und noch aus Artikel 3
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen
benachteiligt oder bevorzugt werden.
(Die Asylgesetzgebung und damit verbunden die Praxis unserer Verwaltungen sind auf dem Hintergrund dieser Aussagen des GG wirklich zu hinterfragen.)
Soweit zu unsere Verfassung
Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher politischer Auffassung und unterschiedlicher Nationalitäten erfordern Toleranz und ein demokratisches Verständnis im Handeln.
Insbesondere auch das der öffentlichen Organe.
Dazu gehören nicht nur Vereine, Verbände, Gewerkschaften und Kirchen; nein, dazu gehören ausdrücklich die staatliche Stellen, die Stadt mit ihrer StVV, ihrer Verwaltung, ihrem Bürgermeister als Dienstvorgesetzter.
Der demokratische Kampf gegen REX und Gewalt ist eben nicht nur eine Aufgabe von Bürgern.
Gerade hier haben die Vertreter der Öffentlichkeit eine herausragende Vorbildfunktion, insbesondere der Jugend gegenüber.
Es ist bekannt, dass Demokratieentwicklung ist die beste Waffe gegen REX ist.
Aber: Demokratie muss gelernt werden, ebenso wie Sozialverhalten und Toleranz.
Nur durch Erlernen und Erfahren von Demokratie kann sie gelingen. Deshalb sind Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Horte, Jugend- und Sportvereine und insbesondere die Schulen die Träger demokratischer Entwicklung unserer Region und unseres Landes.
Und all diese Einrichtungen müssen sich immer und immer wieder selbst, auf ihre demokratische Qualität überprüfen und überprüfen lassen.
Ich sage uns allen nichts Neues, wenn ich in der Bildungsarbeit nach wie vor einen großen Bedarf für demokratisches Lernen und damit die Arbeit für Toleranz und gegen REX sehe.
Wenn wir heute, dieses Tages vor 68 Jahren gedenken, werden unsere Betroffenheit und unsere Trauer nur dann aufrichtig und glaubwürdig, wenn wir an unserer demokratischen Entwicklung arbeiten.
REX und Rassismus, Antisemitismus und Gewalt, Ausländerhass und Ausgrenzung von Alten, Kranken und Behinderten haben keinen Platz in einer Demokratie und deshalb auch nicht in Fürstenwalde.
Wenn wir uns gemeinsam um fundierte, geschichtliche Zusammenhänge bemühen, dann wird es uns auch leichter fallen, die Phrasen der NPD zu durchschauen.

Vergessen wir nie, dass zuerst Fackeln bei den Aufmärschen der Nazis … brannten.
Dann brannten die Bücher von Heine, Seegers u. a. … dann brannten die Synagogen,
dann die Ermordeten in Konzentrationslagern, dann brannte Warschau, Coventry, Rotterdam, ja ganz Europa
und erst dann brannten die zerbombten Häuser in Dresden Hamburg, Berlin und anderswo in Deutschland.
So, wie Hitler in diesem Monat vor 80 Jahren, seine Sympathie und seine politische Zustimmung im deutschen Reich, im Wesentlichen durch seine antisemitische Haltung erzielen konnte, versuchen es bis heute
einzelne Politiker immer wieder, aus wahltaktischen Gründen durch rechtsextremistisch orientierte Aussagen
Zustimmung in den entsprechenden Bevölkerungsgruppen zu erhalten. Das ist schlimm, und es wirkt unserer Verfassung entgegen.
Lassen sie mich zum Schluss mit Worten unseres Altbundespräsidenten Roman Herzog,der diesen Gedenktag 1996 einführte, aus seinem Vortrag zitieren. Er sagte dazu:
„Mir ist dieser Tag deshalb so wichtig, weil ich nicht glaube, dass bei der Aufarbeitung dieses Teils unserer Geschichte heute noch Schuldfragen im Vordergrund stehen. … die entscheidende Aufgabe ist es heute,
eine Wiederholung - wo und in welcher Form auch immer - zu verhindern. Dazu gehört beides:
Die Kenntnis der Folgen von Rassismus und Totalitarismus und die Kenntnis der Anfänge, die oft im Kleinen, ja sogar im Banalen liegen können.“
Und lassen sie mich wiederholen: Wir wissen, Demokratie lernen und leben, ist die beste Waffe gegen REX. Denn:
Faschismus ist keine Meinung oder Weltanschauung, sondern ein Verbrechen!

Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit.

Fürstenwalde, 27.01.2013
Gez. Rainer Killisch